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Glutensensitive Enteropathie (Zöliakie)
 

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Autor

Helmar Weiss
 

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 Einleitung
 

einheimische Sprue

nicht-tropische Sprue

Zöliakie

 

K90.0

chronische Entzündung des Dünndarms mit charakteristischen, jedoch nicht krankheitsspezifischen histologischen Merkmalen, welche zu einem Malabsorptions-Syndrom und/oder immunologischen Begleiterkrankungen führen kann
Ursache der Entzündung ist eine Intoleranz gegen Kleberproteine (Gluten, bzw. alkohollösliche Komponente Gliadin) der einheimischen Getreidesorten Weizen, Roggen, Hafer und Gerste.

  • Manifeste Sprue: Klinik , Malabsorption , Histologie , Serologie
  • Silent Sprue: Klinik -, Malabsorption , Histologie , Serologie
  • Latent Sprue: Klinik - , Malabsorption -, Histologie /-, Serologie +/-

 

 
 Epidemiologie
 

aufgrund der Untersuchung neuerer Antikörper: 1:85 bis 1:500, innerhalb einer Familie 5-10%;
aufgrund der Klinik: 1:330 bis 1:10.000 (Verhältnis 10: 1-1,2)

 

Krankheit des kleinkindes zwischen 4 und 24 Monaten; durchschnittliches Diagnosealter Anfang des 2. Lebensjahres, 3-4 Monate nach Einführung getreidehaltiger Kost; 2. Peak in der 5. und 6. Dekade

 

F > M (3:1)

nur Westeuropa und USA; in Japan, China, Zentral-Afrika unbekannt

 

 
 Pathologie
 

HLA-DQ2 (Genkombination DQA1.0501 und DQB1.0201) oder HLA-DQ8 bei 95%; Anteil am Krankheitsausbruch whs. <50%

5-15% der erstgradig Verwandten von Zöliakie-Patienten, 30-40% von HLAidentischen Geschwistern und ~ 75% der eineiigen Zwillinge erkranken ebenfalls

autoimmunologische Erkrankung von Personen mit entsprechender genetischer Disposition, welche durch Gliadin (alkohollösliche Fraktion von Gluten) oder analoge Proteine (Prolamine) in Roggen (Secaline), Gerste (Hordeine) und Hafer (Avenine) getriggert wird. Von Antigen-präsentierenden Zellen (APC) wird z.B. Gliadin zusammen mit dem HLA-Klasse-II-Antigen HLA-DQ2 oder -DQ8 präsentiert und dadurch eine T-Zell-Antwort vermittelt, welche u.a. gegen das Enzym ‚tissue transglutaminase‘ (tTGA) als Haupt-Epitop gerichtet ist. Die Aktivierung der inflammatorischen Zytokin-Kaskade (Interferon gamma, TNF-alfa, Interleukin 4) führt darauf zur Mucosaschädigung i.S.e. Enteritis, die Aktivierung von Plasmazellen zur Antikörper-Produktion. Reis- und Mais-Proteine sind in dieser Form nicht immunogen.

Verlust der Mucosaenzyme führt zu Zuckerintoleranz(Laktasemangel) und Störung der Gallensäure-Pankreasenzym-Regulation (Enterokinasemangel). Wegen Verminderung der resorptiven Oberfläche, der hydrolytischen und resorptiven Aktivität und der lokal-regulatorischen Funktion. kommt es zu einer schweren Malassimilation.

Das Enzym Gewebstransglutaminase vernetzt bei gutensensitiven Menschen Gliadin mit Bindegewebsproteinen, die als Komplex antigene Strukturen darstellen. Es kommt zu einem Autoimmunprozess mit Gewebszerstörung und chron. Entzündung.

 

  1. Vermehrung intraepithelialer Lymphocyten sowie Vermehrung der Lymphozyten und Plasmazellen in der Lamina propria, häufig vermischt mit Eosinophilen
  2. Atrophie des resorptiven Epithels, verminderte Zottenlänge, Vertiefung der Krypten, verminderte Zotten:Krypten-Relation (Normal >4-5:1)
  3. Zerstörung der Dünndarmmukosa v.a. im Jejunum, nach distal abnehmend
  4. erhöhte Mitosenzahl, abnorme Enterocyten (Kuboide anstatt zylindrische Zellen, Verlust der basalen Kern-Polarität, Verlust des Bürstensaums)

Die histopathologischen Veränderungen sind charakteristisch, nicht jedoch spezifisch für eine Sprue.

Das histologische Grading wird üblicherweise nach der von Marsh vorgeschlagenen Klassifikation von vorgenommen:
Histologisches KriteriumMarsh IMarsh IIMarsh IIIaMarsh IIIbMarsh IIIc
Intraepitheliale Lymphocyten pro 100 Enterozyten >40>40>40>40>40
KryptenNormalHyperplasieHyperplasieHyperplasieHyperplasie
ZottenNormalNormalLeichte AtrophieSubtotale AtrophieTotale Atrophie

 

 
 Diagnostik und Workup
 

ESPGAN-Kriterien 1990 (European Society for Paediatric Gastroenterology and Nutrition): für Patienten > 2 Jahre

  1. Anamnese und Klinik kompatibel mit Zöliakie
  2. Serologisches Screening kompatibel mit Zöliakie (anti-TG positiv)
  3. Histologie kompatibel mit Zöliakie (Zottenatrophie, Kryptenhyperplasie, Vermehrung intraepithelialer Lymphozyten = IEL >> 40/100 Epithelzellen)
  4. Objektivierte klinische und serologische Remission unter Gliadin-freier Diät
  5. Ausschluss einer anderen Dünndarmerkrankung mit Zöliakie-ähnlichen Symptomen

  1. Biopsie des Jejunums mittels WATSON-Kapsel
  2. Bestimmung der AK
  3. bei unsicherer Diagnose Kontrollbiopsie unter GFD, danach ev. Glutenbelastungstest und Biopsie

 

Sonographie: unspezifische Befunde: Dünndarmschlingen mit vermehrter Flüssigkeitsfüllung und verdickter Wand; vor- und rückwärts gerichtete Peristaltik ("Waschmaschinen-Phänomen")

  1. Anti-Gliadin-IgA (AGA) rel. unspezifisch
    Sensitivität 55-92%, Spezifität 81-94%, pos. präd. Wert 85-93%, neg. präd. Wert 65-77%
  2. Anti-Gliadin-IgG
    Sensitivität 69-85%, Spezifität 73-90%, pos. präd. Wert 20-95%, neg. präd. Wert 41-88%
  3. Anti-Endomysium-IgA (EMA)
    ELISA von IgA gegen menschliches Nabelschnurgewebe oder glatte Muskulatur von Affen-Oesophagus-Gewebe. Das Antigen bildet dabei die Gewebe-Transglutaminase (t-TGA), weshalb die Sensitivität und Spezifität dem Anti-tTGAELISA vergleichbar ist - EMA-Sensitivität 1-2% höher, EMA-Spezifität 1-2% geringer -. Neue Studien mit rekombinanter humaner tTGA ergeben noch bessere Resultat mit einer Sensitivität und Spezifität >99%
  4. IgA-anti-Transglutaminase (ATG) = spezifischster AK
    Sensitivität 95-98%, Spezifität 93-95%, pos. präd. Wert 91-95%, neg. präd. Wert 96-98%

Anmerkungen:

  • Cave: Da bei Sprue in 2-10% ein IgA-Mangel vorkommt, versagen in diesem Fall die IgA-AK-Teste => IgG-anti-TG-bestimmen!
  • Bei Einhalten einer strikten Gliadin-freien Diät werden die IgA-Anti-Gliadin- und Anti-Transglutaminase bzw. –Endomysium-Antikörper innerhalb von 3-6 Monaten negativ.

Korrelation zur Histologie:
TestMarsh IMarsh IIMarsh IIIaMarsh IIIbMarsh IIIc
Positive Anti-Gliadin -IgA+IgG0%30%77%84%90%
Positive Anti-Endomysium-IgA0%40%89%92%97%

 

  1. Beweisend ist bei Kindern unter 2 Jahren eine Zottenatrophie bei Glutenexposition und Rückgang der Symptome unter Diät.
  2. Ansonsten Kontrollbiopsie nach 2-jähriger Diät und Reexposition mit Gluten

 

 

 

 
 Symptome und Befunde
 

1.

Inappetenz, fehlende Gewichtszunahme

2.

Reizbarkeit

3.

voluminöse, saure und fetthaltige Durchfälle, nehmen an Häufigkeit zu

1.

vorgewölbtes Abdomen

2.

magere Extremitäten (hypotrophe Muskulatur) mit Tabakbeutelgesäß

3.

Eisenmangelanämie 

4.

hypoproteinämische Ödeme

5.

Misslaunigkeit ( "nahezu" pathognomonisch)

1.

Kleinwuchs

2.

Hypoproteinämie

3.

Vitamin-D-Mangel-Rachitits

4.

Gerinnungsstörungen durch Vit. K Mangel

5.

später: Knochenschmerz, verzögerte Pubertät oder ausbleibende Menarche

1.

Trias:

  • Eisenmangel mit/ohne Anämie
  • Osteopenie
  • Diarrhoe

2.

Stomatitis aphthosa, Glossitis, Stomatitis

3.

Unspezifische Abdominalbeschwerden (Dyspepsie)

4.

Steatorrhoe

5.

Sekundäre Laktose-Intoleranz

6.

Folsäure-, Vit.D-, Vit. A.-, Vit.K-Mangel

7.

Osteoporose, Osteomalacie

8.

Hypertransaminasämie

9.

Allgemeine Müdigkeit, rasche Erschöpfbarkeit

10.

Angststörung, Depression

11.

Muskelkrämpfe, Polyneuropathie, Ataxie, Epilepsie

12.

Follikuläre Hyperkeratose, Alopezie

13.

Infertilität, Abort

 

 
 Verlauf und Prognose
 

 

 

  • sekundärer Laktasemangel (=> path. H2-Atemtest nach Laktosegabe)
  • eine unbehandelte Zöliakie erhöht das Risiko maligner T-Zell-Lymphome des Dünndarms

Begleiterkrankungen:

gut bei konsequenter Therapie

 

 

 
 Differentialdiagnosen
 

1.

Kuhmilchintoleranz

2.

postenterisches Syndrom

3.

Lambliasis

4.

Dysgammaglobulinämie

5.

Mukoviszidose

 

 
 Therapien
 

andauernde gliadinfreie Diät:  Reis, Mais, Soja, Kartoffeln, Hirse, Nüsse, Kastanien und Johannisbrotmehl erlaubt, keine Produkte aus Weizen, Hafer, Gerste, Roggen, Dinkel, Grünkern; meiden von Milch/-produkten bei sekundärerm Laktasemangel

Vitamin- und Eisensubstitution initial

 

 
 Referenzen
 

Sitzmann 2002

Herold 2003, S. 397

http://www.dzg-online.de

 

 
 Editorial
 

Helmar Weiss

02.11.2002

 

Tobias Schäfer, 07.11.2002

 

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